Die häufigste Einsatzform für computervermittelte, synchrone Lehrer-Lerner Kommunikation ist der Chat. Es ist daher sowohl für Lehrer als auch für Lerner ratsam, sich die Besonderheiten „getippter Gespräche“ bewusst zu machen.
Chats nehmen im kommunikationswissenschaftlichen Kontext eine „Sonderstellung zwischen synchronen Kommunikationsformen gesprochener Sprache und asynchronen Medien geschriebener Sprache“ ein. Im Gegensatz zu asynchronen Kommunikationskanälen sind Chatbeiträge an aktuelle Äußerungssituationen gebunden und nehmen aufeinander Bezug. Ein Chat ist trotz seiner medialen Schriftlichkeit dem Gespräch verpflichtet und unterstützt synchrones, dialogisches Kommunizieren multipler Gesprächspartner. Da kein Sichtkontakt entsteht und Social Context Cues nicht wahrgenommen und verarbeitet werden können, existiert für die am Kommunikationsprozess Beteiligten kein verbindlicher Anschauungsraum. Als Social Context Cues werden diejenigen Informationen verstanden, die die Interaktionspartner bei F2F Kommunikation aufnehmen und in ein subjektives Erfahrungsraster einordnen. Eine Reduktion der Kommunikation auf den maschinenschriftlichen Textkanal kann als beengend und defizitär oder als befreiend und enthemmend aufgefasst werden. Die Bemühung um die Überwindung medialer Distanz kann Nähe unter den Chatteilnehmern generieren, z.B. wenn die Anwender versuchen diesen Mangel durch semiotische Innovationen wie Emoticons oder netzspezifische Ausdruckweisen zu überwinden. Das Modell der sozialen Informationsverarbeitung beschreibt diesen Umgang mit antizipierten Kommunikationslücken und sagt aus, dass bei ausreichender Zeit und Chat-Kompetenz alle relevanten Hintergrundinformationen übermittelt und Emotionen ausgedrückt werden können.
Sowohl der Produktions- als auch der Reproduktionsvorgang sind aufwendiger und langwieriger als bei gesprochener Sprache und der Produktions- und Äußerungsakt sind asynchron. Nicola Döring bezeichnet Chat-Kommunikation daher auch als die „umständlichste Form des Telefonierens“. Der Kommunikationsverlauf in Chats ist zumeist durch technische Sequenzierung determiniert. Das Kommunikationsprotokoll listet die Beiträge linear und zufällig in der Reihenfolge ihres Eingangs auf und nicht nach Sinn- oder Sachzusammenhängen. Deshalb nehmen gerade unerfahrene Chatteilnehmer Kommunikationsverläufe als sehr unübersichtlich wahr. Sprache wird im Chat genuin für situationsgebundene, direkte und simultane Kommunikation genutzt. Mündliche Reproduktion von Chatprotokollen ist nicht intendiert. Dies erklärt die häufig anzutreffende Abbreviationskultur und die Vernachlässigung der Orthographie und der Grammatik in Chaträumen. In virtuellen Lernumgebungen müssen die für die Kursverwaltung Verantwortlichen deshalb dafür sorgen, dass der Sprecherwechsel nach einem festgelegten Regelwerk funktioniert und die Selbstorganisation der Chatteilnehmer fördern.
Die Auswahl einer Chatplattform für eine virtuelle Lernumgebung setzt voraus, dass die am Entscheidungsprozess beteiligten Parteien verstehen, welche Möglichkeiten und Features Anwender in Chats suchen und bevorzugen. Dies ist vor allem dann schwierig, wenn es sich um eine heterogene Lernergruppe mit unterschiedlich ausgeprägten Medienkompetenzen handelt. Durch die Analyse erfolgreicher themenzentrierter Chats können diejenigen Faktoren, die auf empfundene Attraktivität und ein hohes Aufmerksamkeitsniveau wirken, lokalisiert werden. Grundvoraussetzung ist ein Verständnis dafür, wie soziale und technische Kräfte in Multi-User Systemen interagieren.
Chats können in virtuellen Lernumgebungen vor allem in zwei distinkten sozialen Einsatzformen integriert werden, die durch die Kriterien zeitliche Ausdehnung, Regelmäßigkeit, Ordnung und Beteiligungsniveau unterschieden werden können: Chatforum und Chatsitzungen.