Konstruktivismus stellt abhängig von der Disziplin und dem jeweiligen Autor eine Wissenstheorie, eine Wissenschafts- und Erkenntnistheorie, eine Lehr-Lerntheorie bzw. ein Paradigma in der Soziologie, Kognitionswissenschaft und Psychologie dar. Die konstruktivistische Lerntheorie baut auf dem kognitivistischen Grundmodell auf. Allerdings geht sie noch einen Schritt weiter, indem sie das Hauptaugenmerk auf individuelle Wahrnehmungsprozesse, Interpretationen und Konstruktionen wirft, die sich auf bereits strukturiertes und detailliertes Vorwissen stützen. Wissen ist demnach die Summe aus Vorwissen und neuer passender Information. Der Lernerfolg ist abhängig vom Organisationsgrad des bereits erfolgten Wissenserwerbs. Je genauer die detaillierte Ausdifferenzierung, das Bemühen um eine ständige Aktualisierung und Korrekturen sind, desto besser kann auf Vorwissen als Grundlage für die Generierung von neuem Wissen in einem Lernprozess aufgebaut werden. Für Klimsa ist Lernen deshalb auch als eine „zweckmäßige Modifikation kognitiver Strukturen“ definiert. Lernen ist ein Erfahrungsprozess, der Wissen aktiv konstruiert und zu einer „Verfeinerung der mentalen kognitiven Landkarten führt“. Die konstruktivistische Lerntheorie betont den individuellen Charakter des Lernprozesses und eine vorhandenen Zielorientierung. Konstruktivismus als Lehrtheorie geht also davon aus, das Lernen ein individueller, bewusster und konstruktiver, im Gehirn des Lerners ablaufender, Prozess ist. Lerner interpretieren Informationen und ihre Umwelt, indem sie persönliche Erfahrungen, Einschätzungen, Beobachtungen zum Vergleich heranziehen und dann eine „Informationspersonalisierung“ vollziehen.
Konstruktivismus beschreibt Wissen nicht als beliebig reproduzier- und kopierbare Ressource, sondern als hochgradig individuelles, internal zu modifizierendes Konstrukt. Anders ausgedrückt: Wissen ist keine Kopie der Wirklichkeit, sondern eine Konstruktion von Menschen. Erkenntnis ist somit immer auch Konstruktion. Diese Neukonstruktion von Wissen zielt auf eine praktische Anwendung in der Alltagswelt. Lazarsfeld prägte für diesen Zusammenhang den Begriff der Viabilität: Wenn Wissen „Brauchbarkeit“ in der Erfahrungswelt zeigen kann, wenn es genutzt wird und das Leben mitgestalten hilft, dann ist es akzeptabel. Lernen kann dann als ein Prozess beschrieben werden, der vorherige Interpretationen von Wissen neuen Revisionen, Interpretationen und eigenen Erfahrungen gegenüberstellt, um so zukünftige Handlungen zu begründen.
In der konstruktivistischen Lehrtheorie ist ein Lernprozess immer in ein soziales Umfeld eingebunden: Lernen ist ein sozialer Prozess. Der Lerner, seine Lebenswelt und seine nicht vorhersagbaren metakognitiven, reflexiven Verarbeitungsprozesse, stehen im Mittelpunkt. Soziale und radikale konstruktivistische Theorien stufen die Bedeutung von Interaktion und gemeinsamer, aktiver Wissenskonstruktion für erfolgreiches Lernen höher ein als reinen Zugang zu Informationen. Lernen ist dann am effektivsten, wenn es in einen Kontext eingebunden wird, so dass es mit einer persönlichen Bedeutung verbunden werden kann.
Die Annahme, dass Wissen vor allem dann für den Lerner im Laufe seines Lebens wertvoll ist, wenn er in der Lage ist, es auf andere Kontexte zu übertragen, nimmt der „Cognitive Flexibility“ Ansatz auf. Ein Lernprozess wird in diesem Konzept als erfolgreich angesehen, wenn ein Grad der kognitiven Flexibilität erreicht wird, der es dem Lerner erlaubt, auf eine Problemstellung durch eine spontane und zielgerichtete Anpassung seines Wissens zu reagieren. Ausgangspunkt des Konzepts ist eine nahezu postmoderne Weltsicht, die Komplexität und Irregularität als Umwelt der Lerner voraussetzen.
Gestaltung von virtuellen konstruktivistischen Lernumgebungen
Im Mittelpunkt der Überlegungen sollten der Lerner als Individuum oder eine bezüglich ihres Vorwissens und ihrer Interessen möglichst homogene Gruppe stehen. Ziel ist es, Anforderungen derart zu gestalten, dass sie von den Lernern als interessant und herausfordernd angenommen werden. Problemstellungen sollten offen formuliert sein, so dass sie Raum für individuelle Auslegungen und Problemlösestrategien lassen. Die Lerner sollten die Möglichkeit haben, sich der Problemstellung gemeinschaftlich und von vielen verschiedenen Perspektiven zu nähern. Die individuellen Biographien der Lerner sollten für die Bearbeitung der Aufgabe genutzt werden, um die unterschiedlichen Kompetenzen und das kollektive Vorwissen zu vereinen. Die Lerner sollten ausdrücklich dazu angehalten werden, ihre eigenen Meinungen und Stellungnahmen kontinuierlich den anderen Lerngruppenteilnehmern mitzuteilen. Lehrer sind an dieser Stelle dazu verpflichtet, durch ihrer Moderatorenrolle dafür Sorge zu tragen, dass der Kommunikationsstrom zwischen den Lernern nicht abbricht und sich auf einem qualitativ hohem Niveau einpendelt. Lerner müssen durch die Lernumgebung in ihrer Selbstreflexion und in der mentalen Konstruktion alternativer Lösungsszenarien unterstützt werden. So ist es z.B. möglich, durch Mind-Map Software einen graphisch aufbereiteten Überblick über die verschiedenen Einzelaspekte einer Aufgabe oder eines Themenkomplexes zu präsentieren. Diese Mind-Maps können auch dazu verwendet werden, Problemdimensionen zu benennen und sie nach ihrer angenommenen Wichtigkeit zu priorisieren. Weiterhin können sie dabei helfen, den Lernern den Entstehungsprozess von Wissenskonstruktion vor Augen zu führen und als Grundlage für metakognitive Verarbeitungsprozesse („Warum versuche ich ein Problem auf diese bestimmte Art und Weise zu lösen?“) dienen. Konstruktivistische Lernumgebungen unterstützen Lerner dabei, ihre transferierbaren, d.h. themenunabhängigen, Lernkompetenzen besser zu verstehen, zu modifizieren und kontinuierlich zu verbessern.
Weil die Fähigkeit eines Lerners, das eigene Lernen selbstständig zu überwachen und zu kontrollieren, entscheidenden Anteil am Lernerfolg hat und Ausdruck des Autonomiestrebens und –empfindens ist, sollten konstruktivistische Lernumgebungen die soziale Bedeutung und die funktionelle Nützlichkeit der Lehrinhalte aufzeigen. Sie müssen die Eigenmotivation und die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit unterstützen, indem sie den Lernenden z.B. die Möglichkeit anbieten, mehrkanalig (d.h. textbasiert, audio-visuell etc.) zu lernen. Explizite Instruktionen sollten die Wissenskonstruktion der Lernenden fördern, indem die Lehrmaßnahmen systematisch die Aufmerksamkeit der Lernenden einfordern und Lerner so mit den unterschiedlichen Lehrstrategien vertraut gemacht werden. Im Idealfall sollten die Lerner die eingesetzten Lehr- und Lernstrategien selbstständig identifizieren können und sie einer Bewertung unterziehen.
Da Lernen aus konstruktivistischer Sicht aufgrund unterschiedlicher Wirklichkeitskonstruktionen nicht gezielt gesteuert und geplant werden kann, sondern nur Lernumgebungen zur Verfügung gestellt werden können, verändern sich Rolle und Aufgabe der Lehrer:
“The role of the instructor changes in constructivist teaching from “sage on the stage” to “guide on the side”
Das unidirektionale Lehrparadigma des klassischen Präsenzunterrichts, das von einem Wissenstransfer von Lehrer- auf Schülerseite ausgeht, wird ersetzt durch die Annahme, dass Lehrer in konstruktivistisch geprägten Lehrsituationen vor der Aufgabe stehen, Lernumgebungen zu konzipieren, die entdeckendes und multikontextuelles Lernen fördern. Dies ist notwendig, da die Annahme, dass Lernprozesse individuell konstruiert, d.h. selbstgesteuert sind, auch impliziert, dass Lernende Lernweg, Lerntempo, und Aneignungsprozesse weitgehend selbstständig bestimmen. Die Transferierbarkeit und Qualität des angeeigneten Wissens steht in Abhängigkeit von der Lernsituation, in der es erworben wird – die Lernsituation definiert die Anwendbarkeit im Alltag.
„Wenn Wissen demnach eine individuelle Konstruktion und Lernen ein eigenaktiver, konstruktiver Prozess in einem bestimmten Handlungskontext ist, muss – so die Folgerung für Lehren und Lernen – die Lernumgebung Situationen anbieten, in denen individuelle und soziale Konstruktionsleistungen möglich sind und kontextgebunden gelernt werden können„
Der instruktionale Designansatz von Harrison fasst die wichtigsten Punkte des konstruktivistischen Designansatzes für virtuelle Lernumgebungen abschließend noch einmal zusammen:
1. Motivation
2. Sicherung von Aufmerksamkeit
3. Informierung über die relevanten Lehrziele
4. Aktualisierung der Lernvoraussetzungen
5. Anregung der Informationsaufnahme und –verarbeitung bei der Lehrstoffpräsentation
6. Überwachung und Steuerung individueller Lernprozesse
7. Vermittelung von Rückmeldungen
8. Beurteilung des Lernfortschritts